Vor Ort

Der erste Hafen im Einsatzgebiet war natĂŒrlich Singapur.
Hier kam frischer Proviant an Bord, Wasser, Treibstoff und natĂŒrlich jede Menge wichtige Leute vom Internationalen Roten Kreuz (ICRC), der Hohe Kommissar fĂŒr FlĂŒchtlingsangelegenheiten der UNO (UNHCR) und von allen möglichen anderen Hilfsorganisationen.
Es musste natĂŒrlich abgesprochen werden, wo und wie unsere Ladung, die HilfsgĂŒter am besten eingesetzt werden könnten.
Allerdings wollten weder Indonesien, noch Malaysia oder Singapur unser Hilfe wirklich haben. Alle wollten die FlĂŒchtlinge möglichst schnell an irgendwelche AufnahmelĂ€nder weiter reichen, und nicht auch noch im eigenen Land versorgt sehen. Das könnte sich ja rum sprechen, und noch weitere FlĂŒchtlinge anlocken.
Schließlich, nach einigen Tagen bekamen wir die Genehmigung, nach Indonesien einzulaufen.

Unser erster Indonesischer Hafen war Tanjung Pinang auf der Insel Bintang, anstrengende 4 Stunden Reise von Singapur. Dort angekommen, mussten wir feststellen, dass die Hohe Diplomatie uns zwar die Einreise nach Indonesien ermöglicht hatte, aber in Tg.Pinang noch niemand etwas von offiziell von unserem Kommen wusste. TatsÀchlich hatten wir noch nicht einmal einen Agenten vor Ort, und nahmen den ersten der uns vom Lotsen empfohlen wurde.

Wieder begannen die Verhandlungen mit den Behörden und mit den anderen Hilfsorganisationen.
Zwei Tage spĂ€ter wechselten wir den Agenten, und der Neue hatte dann wohl die richtigen Verbindungen und wir bekamen unter Auflagen endlich die Erlaubnis drei verschiedene FlĂŒchtlingslager anzulaufen und zu versorgen.
Eine der Auflagen war es, dass wir einen Indonesischen Liaison Offizier an Bord bekamen, der uns ĂŒberwachen sollte, und uns die WĂŒnsche der Indonesischen Regierung ĂŒbermitteln sollte.
Capt.Sizwo saß dan des öfteren bei mir in der Funkbude, ließ sich von mir das FunkgerĂ€t einschalten und unterhielt sich dann lang und ausfĂŒhrlich mit irgendwem auf Indonesisch.
Nach ein paar Wochen wurde ich als Funkverantwortlicher an Land zu irgend einem MilitĂ€r beordert. Der versuchte mir zu erklĂ€ren, dass wir gefĂ€lligst sĂ€mtlichen Funkverkehr von Bord an Land auf Englisch durchzufĂŒhren hĂ€tten, damit sie an Land in der Lage seinen unseren GesprĂ€chen zu folgen. Ich versprach ihm, mein Bestes zu versuchen, es aber das Problem gĂ€be, dass die Krankenschwestern und Pfleger an Land zwar sehr gut SchwĂ€bisch, Bayrisch und auch ein wenig Deutsch könnten, aber Englisch nur rudimentĂ€r vorhanden sei, aber das Problem wĂŒrde er ja wohl verstehen, da auch seine Leute sich ĂŒber Funk ja nur auf Indonesisch mit Capt. Sizwo unterhielten, und wir nicht in er Lage sein zu verstehen was die da so aushĂ€cken.
Wir versprachen uns Beide, das Beste zu versuchen, und ich konnte an Bord zurĂŒck.
Das nĂ€chste FunkgesprĂ€ch das Capt. Sizwo an Bord fĂŒhrte war dann doch sehr komisch. Er selbst sprach ja fließend Englisch, aber ganz offenbar seine GesprĂ€chspartner an Land nicht. Bald zwanzig Minuten lang versuchte er irgendwelche Tagesmeldungen abzusetzen, ohne das ihn irgendjemand an Land verstand. Dann bat ich ihn, er möge doch jetzt endlich wieder Indonesisch reden, damit wir fertig werden und zum Abendessen gehen könnten.
Er war ganz offensichtlich befreit, und das was dann folgte klang wie ein kurzer aber massiver Anschiss an die Funker an Land. Von da an gab es keine Probleme mehr, wenn wir uns auf Deutsch unterhielten.

Es war kein Wunder, dass die Indonesier sauer waren auf die FlĂŒchtlinge, und auch auf die Hilfsorganisationen. In den FlĂŒchtlingslagern ĂŒbertrumpften sich die Hilfsorganisationen gegenseitig mit ihren Hilfsangeboten. Bei den Indonesiern blieb aber nichts davon hĂ€ngen.
WĂ€hrend in den Lagern ein Arzt/Patient Verhöltnis von 1:500-1000 herrschte, lag dieses VerhĂ€ltnis in Indonesien bei 1:5000, und dann gab es die Ärzte auch nur in den großen StĂ€dten, aber auf vielen der kleineren Insel war seit Jahren kein Arzt mehr gewesen.
Deshalb wurde die Flora dann auch verpflichtet, sich auch um die einheimische Bevölkerung zu kĂŒmmern, zum einen durch Sprechstunden an Land, als auch durch Operationen im bordeigenen OP.

NatĂŒrlich kamen auch immer wieder Reporter zu uns an Bord, die ĂŒber unsere Arbeit berichten wollten. Irgendwo beim ZDF im Archiv wird wohl noch ein 45Minuten Filmbericht ĂŒber uns liegen. Zwei oder drei Wochen war das Kamera-team dafĂŒr bei uns an Bord, und wir hatten viel Spaß miteinander. Auch wenn uns unser Einsatzleiter immer davor warnte, nicht zu vertrauensselig mit diesen Leuten zu sein.
Mit diesem Team ging alles gut, aber bei einem anderen Reporter erlebten wir dann bald auch was passiert wenn man zu offen mit ihnen ist. NatĂŒrlich fragen Reporter einen immer nach dem Namen, weil Namen machen die Geschichte glaubwĂŒrdiger. Ich hatte ja schon geschrieben, dass die FlĂŒchtlinge in den Lagern recht wohl versorgt waren, und die Kinder recht fröhlich miteinander spielten und durchaus gut genĂ€hrt waren. Um so erstaunter waren wir dann, als wir im Hamburger Abendblatt lesen konnten:“Dem alten erfahrenen Seemann Lutz. D. liefen die TrĂ€nen beim Anblick der armen unterernĂ€hrten Kinder.“ Seit dem bin ich immer sehr vorsichtig, wenn es um den Kontakt zur Presse geht.

In einem der Lager kamen sogar einige Frauen an Bord. Einige davon waren wohl auch sehr offenherzig, aber nicht alle. Die, an die ich mein Herz verschenkt hatte, hatte den festen Willen, als Jungfrau in die Ehe zu gehen, und so half es auch nichts, dass ich ihr versprach sie zu heiraten, sobald sie von irgendeinem Land aufgenommen worden sei. Es blieb ganz brav bei HĂ€ndchen halten.
Allerdings glaube ich heute, dass sie schon damals nicht davon ĂŒberzeugt war, dass ich das richtige Heiratsmaterial war. Jedenfalls las sie mir irgendwann aus der Hand und erklĂ€rte mir, dass sie dort zwei Frauen sĂ€he. Welche, wollte sie mir nicht sagen. Ich glaubte damals, dass sie sich in Konkurrenz zu Anette sah, mit der ich mal ĂŒber Funk gesprochen hatte, wĂ€hrend sie dabei war. Vielleicht hat sie aber damals schon gesehen, wie Anette und ich heute zusammen leben.
Ich wurde bald dann abgelöst und musste nach Deutschland zurĂŒck. Einige Monate spĂ€ter bekam ich von ihr dann einen Brief „California is much warmer than Germany. I will not marry you“ So weit meine Geschichte von der „Flora“ Liebe GrĂŒĂŸe Gesine